Musik höre ich täglich, auch Konzertbesuche gehören zu meiner ständigen Dosis Kultur. Neulich durchsuchte ich meine Musiksammlung nach etwas Hörbarem und stieß dabei auf Arnold Schönberg, dem Doyen der zeitgenössischen, klassischen Musik. Seine Zwölfton- und atonale Musik spaltet die Musikgeister wie kaum ein andere. Schönberg und seine Nachfolgerinnen und Nachfolger setzen die Dissonanzen ganz bewusst ein und übergehen damit die Hörgewohnheiten der meisten Menschen, die auf Konsonanz konditioniert sind. Harmonie und Gleichklang sind uns vertraut und die Klänge von Dur und Moll sind uns seit frühester Kindheit in den Ohren. Sie stellen für uns das Schöne und Edle in der klassischen Musik dar und verführen uns allzu oft auf Traumreisen entlang von Flüssen, durch Landschaften oder Gefühlswelten. Harmonie und Gleichklang sind der Stoff, aus dem die Happyends gemacht sind.

Was uns vertraut ist, bevorzugen wir

Genauso ergeht es uns oft im Leben, denn was uns vertraut ist, das finden wir kalkulierbar und einschätzbar. Alles, was sich unserer Einschätzbarkeit entzieht, macht uns unsicher, ängstlich oder wir leisten Widerstand. Unser ganzer Organismus strebt nach dem Äquilibrium, so lernte ich es seinerzeit in den Wissenshallen der Universität, als wir uns mit dem Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget auseinandersetzen durften. Einfacher ausgedrückt strebt jeder Organismus nach dem Gleichgewicht und versucht, Spannungen zu vermeiden.

Für unser Selbstbild hat dies der Sozialpsychologe Leon Festinger sehr gut mit dem Begriff der „kognitiven Dissonanz“ beschrieben. Seiner Theorie nach vermeiden wir alles, was bei uns zur Dissonanz führt. Seine „Seeking and Avoiding-Hypothese“ besagt, dass wir Erfahrungen, Meinungen und Erlebnisse, die unser Welt- und Selbstbild bestätigen, höher bewerten und bevorzugen. Jene, die wir als „Angriff“ auf unser Selbstbild betrachten, versuchen wir zu vermeiden. Dies führt zur allseits bekannten selektiven Wahrnehmung, die schlichtweg Informationen aus der Umwelt einfach ausblendet. Um dies zu verdeutlichen, lade ich Sie zu einer einfachen Übung ein. Prägen Sie sich in den nächsten 40 Sekunden alle Gegenstände ein, die in Ihrer Umgebung braun sind. Führen Sie das Experiment jetzt durch und lesen Sie erst danach weiter.

Notieren Sie nun nach den 40 Sekunden bitte alles, was in Ihrer Umgebung grün ist. Sie werden merken, dass die grünen Gegenstände gar nicht so leicht aufzuzählen sind. Würde ich Sie dagegen nach all den braunen fragen, hätten Sie es deutlich leichter. Mit diesem Phänomen ist die Polizei und Justiz jeden Tag konfrontiert, denn wenn 10 Menschen einen Verkehrsunfall beobachtet haben, dann können Sie davon ausgehen, dass das Unfallgeschehen sehr unterschiedlich dargestellt wird. Auf die Krux von Personenbeschreibungen will ich nur kurz hinweisen, aber auch da gibt es erhebliche, persönliche Vorlieben der Wahrnehmung.

Die Erweiterung des Horizonts

Meine Frau und ich stellen unsere unterschiedlichen Wahrnehmungspräferenzen immer wieder fest, wenn wir gemeinsam auf Städteurlaub sind. Wenn wir dann im Café sitzen und die Städtetour noch einmal kurz Revue passieren lassen, dann fragt mich meine Frau regelmäßig, ob ich diese Hausfassade oder jene Skulptur gesehen hätte. Meist muss ich passen, allerdings scheitert sie regelmäßig an der Aufgabe, sich an die Personen zu erinnern, die ich alle gesehen habe. Nach fast 15 Jahren gemeinsamer Erkundung schlägt allerdings bei uns die sukzessive Approximation (schrittweise Annäherung, so die Anmerkung meiner Lektorin) zu und wir haben unsere Wahrnehmungen an die Gewohnheiten des bzw. der Anderen angepasst. Diese Erweiterung hat unsere persönlichen Dissonanzen stark reduziert. Wir genießen jetzt beide die Stadtrundgänge und können uns danach sowohl über Menschen als auch über die Kunst und Architektur austauschen, was eine immense Erweiterung des Horizonts für uns beide mit sich bringt. Bevor aber vor übermäßiger Harmonie das Thema der Dissonanz völlig aus dem Fokus gerät, möchte ich doch das Hohelied der Dissonanz anstimmen und meine Meinung zum Nutzen der Dissonanz mit Ihnen teilen. Obwohl ich ein nach Harmonie strebender Mensch bin.

Die größten Lernfortschritte machte ich immer dann, wenn sich die Spannung zwischen meiner Sichtweise und den tatsächlichen Gegebenheiten nicht mehr leugnen ließ, ich etwas unrund wurde und meine Komfort-Zone verlassen musste. Angenehm im eigentlichen Sinne war es nie, meist waren es sehr schmerzvolle Erfahrungen und ich fühlte mich in dem Moment gar nicht glücklich und schon überhaupt nicht zufrieden. Wenn ich aber zurückblicke und mir ansehe, welche Veränderungen dadurch in meinem Leben möglich wurden, dann muss ich zugeben: Jeder schmerzvolle Moment hat sich gelohnt und hat mich bereichert. Ich musste Gewohnheiten hinterfragen und zum Teil verändern und diese Veränderungen haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Diest bestätigt die Heraklitische Erkenntnis, dass man nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann, denn alles ist ständig in Bewegung und verändert sich. Das Leben ist eben Veränderung und wer glaubt, er müsse sich nicht mehr verändern, der hat aufgehört zu leben.

Neugierde und Unzufriedenheit sind die Triebfeder der Veränderung

Neugierde, Unzufriedenheit und die immense Anpassungsfähigkeit des Menschen sind der Garant für jegliche kulturelle Errungenschaft in der Menschheitsgeschichte. Wenn unsere Vorfahren nicht bestrebt gewesen wären, sich besser in ihrer Umwelt zurechtzufinden und den Unbillen des Lebens zu entkommen, wir würden immer noch in Höhlen leben und unsere Konflikte hauptsächlich mit körperlicher Gewalt lösen. Die Sorgen und Nöte des Menschen bergen ein unheimlich kreatives Potential in sich und ermöglichen es uns, uns ein neues oder gar ein utopisches Leben vorzustellen.

Wenn alles immerzu in Butter wäre, dann müssten wir uns über uns selbst und unsere Umwelt keine Gedanken machen und es wäre uns dauerhaft, glaube ich, auch ziemlich langweilig. Denn, wie der Geheimrat aus Weimar es so treffend beschrieb, ließe sich alles gut ertragen, nur nicht eine Reihe von schönen Tagen. Eines will ich in diesem Kontext noch deutlich machen: Natürlich werden wir in den konkreten Momenten der Veränderung bzw. der Bewusstwerdung des Mangels nicht mit Glückshormonen überschüttet. Das scheint wohl mehr als logisch zu sein und dennoch fällt uns dieser Zustand trotz dieser Erkenntnis schwer.

Allerdings, wenn wir die Komfortzone verlassen und uns durch den Schmerz gewagt haben, dann erwartet uns ein großes Glücksgefühl. Ich bezeichne diese Momente als die „Wickie-Momente“ im Leben. Sie erinnern sich an Wickie, den jungen Wikinger aus der gleichnamigen Zeichentrickserie, der immer in größter Not sich unter seiner Nase rieb und dann lächelnd mit den Worten: „Ich habs!“, die Lösung parat hatte? Wenn Sie ihn nicht kennen, dann einfach nach Wickie googeln und sie werden einige Videos finden. Dieser Junge hilft in den ausweglosesten Momenten mit seinen grandiosen Ideen den Wikingern, rettet sie und bewahrt sie vor den größten Gefahren für Leib und Leben. Nicht, dass Wickie keine Angst hätte, das Gegenteil ist der Fall. Er ist sehr ängstlich, allerdings lähmen diese Ängste und Nöte nicht sein Denkvermögen, sondern treiben es zu Höchstleistungen an.

Wiederholung schafft Vertrautheit

Ich verspreche Ihnen auch nicht, dass ich eine grandiose Methode habe, wie Sie solche Situationen lieben lernen. Dies wäre für mich auch purer Blödsinn und Zynismus. Ich will Ihnen damit nur zeigen, dass es für viele Situationen Lösungen gibt und dass es nach der Veränderung meist besser ist als vorher. Wenn Sie diese Gewissheit in sich tragen, dann werden diese Momente für Sie noch immer keine Freude und Wonne sein, aber Sie werden auch an Dramatik verlieren. Es wird Ihnen möglich, die Veränderungen als Chance zu sehen, die Herausforderungen proaktiv anzugehen. Angst und Ohnmacht führen nämlich sicher nicht zum Glück. Angst, gepaart mit der Gewissheit, eine Lösung zu finden, schafft Vertrauen und fördert die Kreativität.

Diese Eigenschaften minimieren dann immer wieder relativ schnell und vor allem zuverlässig die Dissonanzen und führen zur Harmonie von Geist und Körper, die einen großen Einfluss auf unser Wohlgefühl haben. Ersetzen Sie das Konzept der erlernten Hilflosigkeit durch proaktive Handlungen, die Ihnen Stärke und Vertrauen schenken. So nehmen Sie die Dissonanzen in Ihrem Leben auch als das wahr, was sie sind, nämlich Chancen, sich zu verändern und Anpassungen an neue Erkenntnisse und Erlebnisse vorzunehmen.

Vielleicht geht es Ihnen mit den Dissonanzen des Lebens wie mir mit der Zwölfton-Musik von Arnold Schönberg. Ich habe atonale Musik in der Zwischenzeit hunderte Male gehört und sie wurde mir mit jedem Mal vertrauter und vertrauter und damit auch verständlicher und nachvollziehbarer. Ich verstehe heute die Musik in ihrer Gänze besser und kann sie in ihrer Fülle genießen. Ob ich nun konsonante oder dissonante Musik höre, sie erfüllt mein Herzen immer wieder und gibt mir die Chance, mich mit mehr Menschen als je zuvor verbunden zu fühlen. Lauschen Sie der Musik des Lebens und erleben Sie die Einheit von Dissonanz und Konsonanz.


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