Spinnenetz

Der Mensch ist keine Eintagsfliege

by | Sep 12, 2016 | happy me, Philosophie

Haben Sie je ein kleines Kind beim Spielen beobachtet? Dann werden Sie sich daran erinnern, dass Sie jemanden sahen, der ganz in seinem Spiel aufging, der an nichts anderes dachte und sich voll und ganz mit seiner momentanen Rolle identifizierte. Das Kind dachte im Spiel versunken weder an den nächsten Tag noch an Erlebnisse desselben Tages oder der letzten Woche, sondern war voll eingetaucht ins Hier und Jetzt und mit der Zeit verschmolzen. Die meisten von uns sehnen sich nach solchen Momenten wie der Durstige in der Wüste nach einem Schluck Wasser.

Leben im Hier und Jetzt

Viele Seminare, Workshops und Bücher bieten Anleitungen, wie es gelingt, ständig im Hier und Jetzt zu leben. Das Hohelied des Jetzt gibt es in vielen Facetten schon seit Menschengedenken und das lautet: „Das gute, geglückte Leben findet im Jetzt statt und nicht in irgendeiner Zukunft. Sie müssen Ihr Leben jetzt leben und die Verantwortung dafür sofort übernehmen.“

Weder Ihre Eltern, Lehrer oder andere Menschen, die in Ihrer Vergangenheit Einfluss auf Sie hatten, sind für Ihr heutiges Leben verantwortlich. Sie ganz allein tragen die Verantwortung für Ihr bisheriges und Ihr zukünftiges Leben. Sie sollten sich auch nicht darauf verlassen, dass es Morgen ohne Ihr Zutun besser wird. Sie müssen besser werden, um eine bessere Zukunft zu haben.

Dieses heute schon allgegenwärtige Postulat möchte ich in diesem Essay ein wenig genauer unter die Lupe nehmen und von mehreren Blickwinkeln aus betrachten.

Die Aufklärung und der göttliche Plan

Mit der Epoche der Aufklärung wurde uns klargemacht, dass wir das Glück haben, dass unser Leben nicht einem göttlichen Plan unterworfen ist, aus dem es kein Entrinnen gibt, wie das noch vor 300 Jahren geglaubt wurde. Unsere Urahnen waren eingebunden in eine Gesellschaft, die davon ausging, dass jeder seine Position aufgrund des göttlichen Ratschlusses einzunehmen und hinzunehmen habe. Diese Zeiten waren geprägt von Bevormundung und Unterdrückung der Individualität, die kaum Spielräume für ein selbstbestimmtes Leben ließen und persönliche Freiheit als Angriff auf die göttliche Ordnung verstand.

Nimm dein Leben in die Hand

Seit der Aufklärung, die im Französischen bezeichnenderweise „siècle des Lumières“ also das Zeitalter des Lichts heißt, hat sich dies radikal geändert. Der Mensch ist seither aufgefordert, den eigenen Verstand zu gebrauchen und diesen dazu einzusetzen, ein ethisches, erfolgreiches und glückliches Leben zu führen. Das ganze Leben liegt seither in unserer eigenen Verantwortung und Hand. Diese Auffassung wird Ihnen nicht fremd sein und diese oder ähnliche Sätze werden Sie vielleicht schon inhaliert und sich zu eigen gemacht haben, wie auch die neuzeitliche Idee des Lebens im Hier und Jetzt.

Sei flexibel und bereit für Veränderungen

Hinzu kommt noch die permanente Aufforderung zur Flexibilität. Der ständige Wille zur Veränderung ist heute jedoch keine persönliche Entscheidung mehr, sondern ein Muss. Sie haben diesbezüglich keine Wahl, es wird von Ihnen erwartet, dass Sie flexibel sind, sich ständig an neue Situationen und Gegebenheiten anpassen und immer zum Wandel bereit sind.

Du wirst abgehängt, wenn du dich nicht veränderst

Die Propheten des „Hier und Jetzt“ und der „immerwährenden Veränderung“ haben eine ganze Generation von Ratgeberschreibern, Coaches, Philosophen und Trainer geprägt. Der ständige Wandel und die unablässige Veränderung ist der Schlachtruf des modernen Menschen. Er ist zur Conditio sine qua non der Gesellschaft des 20. Jahrhunderts und des beginnenden 21. Jahrhunderts geworden. Wer nicht zum ständigen Wandel bereit ist, der wird abgehängt und hat keine Chance auf Anerkennung und Akzeptanz in der Gesellschaft. Interessant dabei ist, dass nur wenige Denker über die Stolperfallen dieses Paradigmas nachgedacht und das dahinterliegende Menschenbild hinterfragt haben.

Sind wir zur permanenten Wandlung fähig?

Dieser Essay will untersuchen, ob es überhaupt möglich ist, ständig im Hier und Jetzt zu leben und ob die Aufforderung an uns zur permanenten Wandlung der menschlichen Anthropologie entspricht und welche Implikationen diese Denkweise auf unser Handeln und Denken haben.

Die Freiheit ist heute so groß wie selten zuvor

Die Befreiung durch die Aufklärung gilt für mich als unbestritten, gab es doch noch nie eine gesellschaftliche Verfasstheit, die dem Individuum mehr Möglichkeiten gab, seiner Individualität Ausdruck zu verleihen. Den überstrapazierten Begriff der toleranten Gesellschaft will ich hier nicht bemühen, denn die Toleranz ist nach meiner Meinung auf sehr dünnem Eis gebaut. Wenn wir uns die politischen Entwicklungen in Europa ansehen und unseren Blick auf die Toleranz gegenüber Andersdenkenden schärfen, werden wir feststellen, dass es in Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten oft zu einer Sündenbocksuche kommt. Die Bereitschaft zur Exklusion ist dann stärker ausgeprägt als in Zeiten einer prosperierenden Wirtschaft, in denen jede und jeder einen Zuwachs an Wohlstand erwarten kann.

Die eigene Zufriedenheit und der Vergleich

In einem derartigen gesellschaftspolitischen Umfeld wird auch sehr schnell deutlich, dass der Mensch dazu neigt, sein Verhalten am Grad der Zufriedenheit mit seiner aktuellen Situation zu messen. Zufriedenheit wird dabei nicht nur am eigenen Zustand gemessen, sondern meist sucht man sich als Bezugsgröße die Nachbarschaft, die Reichen und Schönen oder Vorbilder und Idole, denen es nach unserer Meinung meist viel besser geht als uns selbst. Just in diesem Moment verlässt der Mensch eben das „Hier und Jetzt-Denken“.

Immer wenn Sie Vergleiche ziehen, müssen Sie zwangsläufig das Hier und Jetzt verlassen und sich mit Vergangenem oder Gewünschtem, also Zukünftigen, weil noch nicht oder nicht mehr Erreichtem, auseinandersetzen. Dies kann uns schon einmal einen Hinweis darauf geben, dass der Mensch von seiner Anthropologie nicht ausschließlich auf eine absolute Gegenwärtigkeit bezogen ist. Wenn wir diesen Gedanken weiterverfolgen, werden wir mannigfaltige Situationen finden, in denen es überhaupt nicht ratsam zu sein scheint im Hier und Jetzt zu verharren.

Die Kinder und die Zukunft

Wenn wir auf das Eingangsbeispiel des spielenden Kindes zurückkommen und uns nicht von der Faszination der absoluten Versenkung oder dem Flow, wie es Mihály Csikszentmihaly bezeichnete, leiten lassen, dann werden wir sehr schnell feststellen, dass gerade unsere Kinder und unsere Enkelkinder uns veranlassen, über die Zukunft nachzudenken. Wird uns doch dadurch schlagartig bewusst, dass es nach uns auch noch Familienmitglieder und Menschen geben wird. Außerdem gilt für viele Eltern und Großeltern, dass es den Kindern und Enkelkindern besser gehen soll als ihnen selbst.

Unseren Kindern soll es besser gehen als uns

Auch die politischen Diskussionen über Generationengerechtigkeit sind gespeist aus der Idee, dass es nach uns auch noch Menschen auf diesem Planeten geben wird, die zumindest dieselben Chancen haben sollen wie wir. Wer wünscht sich nicht, dass seine Kinder eine gute Ausbildung genießen und danach ein Leben führen können, das großteils von existenziellen Sorgen befreit ist? Diese üblichen und für uns meist selbstverständlichen Gedanken und Wünsche zeigen schon die Absurdität des absoluten „Hier und Jetzt- Denkens“ auf. So schnell will ich allerdings die Idee des Hier und Jetzt nicht vom Thron stoßen, denn sie scheint uns doch trotz unserer persönlichen Erfahrungen zu faszinieren und anzusprechen. Sie löst eine gewisse Resonanz in uns aus und bringt Saiten in uns zum Klingen, obwohl die Unmöglichkeit dieses Unterfangens nach nur sehr kurzem Nachdenken mit zahlreichen Beispielen belegt werden kann.

Was würde es denn für unser Leben und für das Zusammenleben bedeuten, wenn wir nur im Hier und Jetzt lebten? Welche impliziten Grundannahmen stecken letztlich in der Idee des Hier und Jetzt?

Ist das Hier und Jetzt Wertneutral

Beginnen wir mit der letzten Frage zuerst. Wenn ich mich mit Menschen unterhalte, welche die Idee des Hier und Jetzt vertreten, so habe ich immer das Gefühl, dass sie davon ausgehen, dass das Hier und Jetzt wenn schon nicht positiv, so doch wertneutral sei. Dies scheint auch einen Teil des Faszinosums auszumachen, das dieser Idee innewohnt. Viele gehen davon aus, dass das Verharren und Einswerden mit dem Hier und Jetzt per se positiv sei und dass der Moment an sich immer positiv sei.

Aber schon die Definition des Flows macht die Unmöglichkeit eines ständigen Versunkenseins oder Lebens im Hier und Jetzt deutlich. Geht doch Csikszentmihaly davon aus, dass ein solcher Zustand nur dann erreicht werden kann, wenn ein Ausgleich zwischen Langeweile (Unterforderung) und keine Überforderung (Angst) geschaffen werden kann. Außerdem entspricht die Lebenswirklichkeit aller mir bekannten Personen nicht einem immerwährenden positiven Ablauf über alle Zeit hinweg.

Sorgen und Nöte sind Teil unseres Lebens

Jeder von uns kennt Zeiten der Krankheit, der Sorgen und Nöte und wer versucht, diese zu verleugnen, der wird dauerhaft an der Seele erkranken. Denn nur ein Friede-Freude-Eierkuchen-Leben scheint mir nicht die Lösung für das menschliche Dasein zu sein. Das Leben ist geprägt von Erfolgen und Misserfolgen und der Großteil unserer Tage ist im besten Fall ein steter ruhiger Fluss. Einige Menschen erleben und empfinden dies tatsächlich so und sind damit, je nach Persönlichkeitsprofil, auch mehr oder weniger zufrieden. Der vage Begriff des Hier und Jetzt verspricht in der stoischen Tradition, dass Sie dadurch im Einklang mit Ihrer Natur leben könnten und keinerlei Überraschungen und negative Erlebnisse mehr hätten – der Traum vom Leben schlechthin, der verschiedene Heilslehren und Religionen hervorgebracht hat.

Die Religion als Trostspender

Die Religionen unternahmen dabei den Versuch, die Verantwortung für das Leben zum Großteil von den Menschen zu nehmen und diese einer „höheren“ Macht zuzuschreiben. Die Aufgabe war letztlich nur, den Ge- und Verboten der „höheren“ Macht zu gehorchen. Taten die Gläubigen das, so konnte laut Religionsverheißung ihrer Erlösung aus dem Jammertal nicht mehr viel im Wege stehen und die Versprechungen eines glücklichen Lebens und eines Landes, in dem Milch und Honig fließen, oder in dem neun Jungfrauen auf sie warteten, schienen erreichbar.

Die modernen Heilslehren der sie vertretenden Protagonisten wissen allerdings, dass mit der „Pie in the sky“-Idee, mit einer Idee also, die das Glück im Jenseits verspricht, heute nicht mehr sehr viel Staat zu machen ist. Schon deshalb verlagern sie die Verantwortung an das Individuum. Sie versprechen getreu dem Motto „Du bist deines Glückes Schmied“: Wenn du unsere Ideen und Lehren nur eins zu eins umsetzt, dann steht einer Erleuchtung und einem Gefühl des immerwährenden Glücks nichts mehr im Wege.

Der Anti-Guru als Religionsersatz

Einer der Superstars dieser Idee ist Eckhart Tolle, der von der Wochenzeitung „Die Zeit“ als Anti-Guru bezeichnet wurde, der nicht dogmatisieren würde. Gerade in dieser Attitüde aber liegt für mich der Trick. Der Anti-Guru, der wie ein Guru gefeiert wird, hält sich immer im Ungefähren und Unbestimmten auf. Das ist sensationell, wenn man bedenkt, dass seine Bücher ein Millionenpublikum finden und er seit einer Empfehlung von Oprah Winfrey als DER spirituelle Lehrer des 21. Jahrhunderts gilt. Die Beschreibungen seines Buches: „Jetzt“ sind hymnisch und herrlich nichtssagend zugleich.

Tanja Konnerth von „Zeit zu Leben“ beschreibt den Nutzen des Buches in einer Rezension so: „Nur wer ganz im Jetzt lebt, kann nach Ansicht des Autors Erleuchtung erlangen. Unser Verstand wandert zurück in die Vergangenheit oder eilt vor in die Zukunft und schafft dabei das, was Eckart Tolle als „psychologische Zeit“ bezeichnet. Zeit, in der wir uns Sorgen machen, Energien auf Dinge verwenden, die entweder nicht mehr sind oder vielleicht nie eintreffen u.ä. Bewusstsein, Gelassenheit und Zufriedenheit können wir aber immer nur im Jetzt finden, denn das Jetzt ist alles, was ist…“

Dieser Auszug macht die Denkmuster der Hier und Jetzt-Jünger mehr als deutlich. Ihre Vergangenheit ist belegt mit Sorgen, Nöten und Ängsten und die Zukunft hat auch nicht viel zu bieten. Das Einzige, was wirklich zu zählen scheint, ist es, sich im Jetzt so gut wie möglich einzurichten, die Vergangenheit zu ignorieren, die Zukunft als nichtexistent zu erkennen und dadurch alle Sorgen, Nöte und Ängste zu vergessen.

Das Vergessen als Erlösungs-Prinzip

Vergessen scheint mir dabei ein sehr wichtiges Stichwort zu sein. Für mich zeigt sich darin der größte Schwachpunkt dieser Idee, die sich hier als groß angelegte persönliche und kollektive Verdrängungsmaschine entlarvt. Erstens wird es als höchstes Ziel angepriesen, sich der Herkunft und der Zukunft völlig zu entziehen und zweitens fehlt der Bezug auf ein soziales Eingebundensein und auf eine gesellschaftliche Lebenswirklichkeit bei dieser Denkweise offensichtlich zur Gänze. Der Mensch als soziales Wesen scheint für diese Denkschule nicht zu existieren und deshalb gelingt es dem Großteil der Anhänger dieser Philosophie eben gerade nicht, sich ständig im Hier und Jetzt zu befinden. Allerdings entziehen sich die Ideengeber elegant der Kritik an ihrer Theorie, da sie die Schuld fürs Scheitern dem Individuum auf der einen Seite zuschieben und zugleich ähnlich dem oben erwähnten „Pie in the sky“-Prinzip den Weg zum Ziel erheben. Damit sind Frustration und Versagensgefühle vorprogrammiert.

Die Vergangenheit als Makel

Nun aber zu einem anderen Aspekt dieser Hier und Jetzt Schule. Am deutlichsten wird dies mit einem Zitat von Eckhart Tolle aus seinem Buch „Jetzt“: „Ich habe wenig Verwendung für die Vergangenheit und denke selten über sie nach.“ Man möchte ihm mit dem spanischen Philosophen und Schriftsteller George Santanyana zurufen, „Wer seine Vergangenheit vergisst, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ Sisyphos gleich ist man dadurch dazu verdammt, immer und immer wieder den Stein des Lebens den Berg hinaufzuwälzen und kurz vor dem Ziel rollt er wieder an den Anfang zurück.

Das hätte natürlich erhebliche Auswirkungen auf unser aller Zusammenleben und unsere Lebensumstände an sich. Aller technologischer Fortschritt wäre nicht zustande gekommen, wenn die Forscher, Tüftler und Erfinder nicht auf Vergangenes zurückgegriffen hätten. Die Lehren aus unserem bisherigen Leben könnten nicht gezogen werden, wenn wir kein Gedächtnis hätten. Gerade weil wir ein Gedächtnis haben, scheint es mir nur zu logisch, dass wir uns mit der Vergangenheit auseinandersetzen und uns fragen: Was war gut, was war schlecht, was kann ich ändern, was will ich ändern und was ist gut so, wie es ist?

Auf der anderen Seite haben wir unsere Fantasie und unsere Vorstellungskraft, um uns ein Utopia zu errichten oder uns ein besseres Leben vorzustellen. Wir können diese Fantasie nutzen, um Romane zu verfassen und uns Fluggeräte, Automobile oder Verkehrsmittel zu erdenken, die noch keiner gedacht hat. Was wäre die Welt ohne diese zukunftsgerichtete Fantasie? Wir würden immer noch in Höhlen leben und mit den Gegebenheiten zufrieden sein, die wir vorfinden.

Der Fortschritt lebt von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft

Der medizinische Fortschritt der letzten hundert Jahre wäre nicht möglich gewesen mit Forschern und Medizinern, die mit dem Hier und Jetzt zufrieden gewesen wären. Sie wollten den Bakterien auf den Grund gehen. Sie wollten Krankheiten verstehen, um diese besiegen oder zumindest beherrschen zu können. Was wäre mit dem Engagement einer Mutter Theresa, wenn sie nur im Hier und Jetzt gelebt hätte und mit ihrer spirituellen Entwicklung beschäftigt gewesen wäre? Wie sähe unsere Gesellschaft heute aus, wenn niemand ans Morgen denken würde? Wir hätten eine Umweltverschmutzung, die unsagbar wäre. Uns würde die Ausbildung und Schulbildung unserer Kinder nicht interessieren. In solch einer Gesellschaft stelle ich mir das Leben nicht sonderlich lebenswert vor. Der Mangel des Konzeptes des Hier und Jetzt zeigt sich für mich also zusammenfassend vor allem in der Anthropologie des Menschen an sich.

Der Mensch als soziales Wesen ist eingebunden in eine Gesellschaft, die eine Erinnerung an die Vergangenheit und die Auseinandersetzung mit jener absolut notwendig macht. Außerdem sind der Explorationstrieb, die Kreativität und Fantasie des Menschen so stark, dass sie immer wieder Neues, Zukünftiges hervorbringen, ja fast zur Notwendigkeit machen und dadurch dem Menschen die Möglichkeit geben, zu reifen. Ich gehe davon aus, dass auch die Befürworter des Hier und Jetzt die Radikalität ihrer Idee nicht in ihrer vollen Ausprägung wünschen.

Das Erlebte und Erduldete taugt nicht als Ausrede

Abschließend lässt sich natürlich anmerken, dass es durchaus sinnvoll sein kann, die Vergangenheit auch als solches zu sehen und sie als abgeschlossen zu betrachten. Nicht alles, was einem widerfährt, sollte auf die seelischen Verletzungen und sonstigen Missgeschicke des bisherigen Lebens geschoben werden. Oft wird das Heranziehen der Vergangenheit, als Erklärungsmodell für ein heutiges Verhalten, doch auch als Instrument genutzt, um Entwicklungspotenziale und Schattenseiten des eigenen Ichs nicht wirklich reflektieren zu müssen.

Die unreflektierte Beziehung

Allerdings gibt es Aktionen im Leben, die eben Auswirkungen auf das Hier und Jetzt haben und deren ich mir bewusst sein muss. Ein ganz banales Beispiel treffe ich oft in Paarbeziehungen an, die nicht optimal laufen. Es werden Verhaltensmuster aus der Vergangenheit nicht genügend reflektiert und in neue Beziehungen mitgebracht und verursachen dort oft die gleichen Schwierigkeiten, welche schon kontraproduktiv für die vorherigen Beziehungen waren. Es kann sich aber als sehr produktiv herausstellen, sich mit dem eigenen Anteil an der Situation zu beschäftigen und nicht davon auszugehen, dass Frauen und Männer ebenso seien wie sie sind und es schon deshalb immer wieder zu den gleichen Problemen kommen müsse. Aus der Vergangenheit lernen, heißt auch offen zu sein für Neues und mit Altem abzuschließen. Irrwege werden aber eher erkannt, wenn ich meine Verhaltensmuster der Vergangenheit versucht habe zu verstehen.

Der bewusste Umgang mit dem Augenblick

Eine Lanze möchte ich dann doch noch für den bewussten Umgang mit dem Jetzt brechen. Passiert es doch allzu oft, dass wir nicht bei der Sache sind. Am besten verdeutlicht dies eine Anekdote aus dem Zen: „Ein Zen-Lehrer wurde gefragt: „Meister, wie kommt es, dass Ihr so klug seid, dass Ihr so ruhig und gelassen seid und von den Menschen so geschätzt werdet?“ Der Meister antwortet: „Wenn ich sitze, sitze ich. Wenn ich gehe, gehe ich. Wenn ich esse, esse ich, und wenn ich spreche, spreche ich.“ Da sagten die Leute: „Aber das tun wir doch auch!“ Doch der Meister antwortete: „Nein. Wenn ihr sitzt, denkt ihr schon an das Gehen, wenn ihr geht, denkt ihr ans Essen, und wenn ihr esst, schaut ihr Fernsehen.“ Diesen Umgang mit dem Augenblick und der momentanen Tätigkeit finde ich äußerst bedenkenswert, denn er ermöglicht uns tatsächlich, das bewusste Erleben des Moments in seiner ganzen Vielfalt zu erfassen und zu verstehen.

Die Kommunikationsfalle Zukunft

Wir kennen alle Gespräche, bei denen wir das Gefühl haben, dass man nicht miteinander spricht, sondern im besten Fall aneinander vorbeiredet. Eine der Ursachen dafür ist die menschliche Neigung, schon mit der Antwort seines Gegenübers beschäftigt zu sein, bevor die Gesprächspartnerin oder der Gesprächspartner fertig gesprochen hat. Ich bin immer skeptisch bei Vorträgen und Seminaren, wenn die Antworten der Lehrenden wie aus der Pistole geschossen kommen. Denn mir selbst geht es oft so, dass ich mit Fragen, die mir in Vorträgen gestellt wurden, das erste Mal konfrontiert wurde und ein wenig darüber nachdenken musste.

In diesem Fall ist es für mich ein Zeichen menschlicher Größe, sich auch in solchen Situationen ein wenig Zeit zum Denken zu nehmen und dies auch zu formulieren. Sollten die Fragenden erwarten, dass ich auf alles eine sofortige Antwort habe, dann überschätzen sie mich entweder oder sie stellen nur Fragen, die ich nicht durchdenken muss. Dabei sind gerade jene Situationen für mich lehrreich, die mich zum Nachdenken bringen und für die ich nicht gleich eine Antwort parat habe. Diese ermöglichen mir, meine Denkmodelle zu reflektieren und meine Einstellung zu einem bestimmten Thema unter Umständen auch zu ändern.

Die Dosis macht das Gift

Dieses Einlassen auf den Augenblick scheint mir der eigentliche Wunsch hinter der Idee des dauerhaften Hier und Jetzt zu sein. Wohl wissend, dass es Menschen unterschiedlicher Prägung und Gemütes gibt, kann auch ich dieser Idee ziemlich viel abgewinnen. Wichtig ist für mich jedoch der individuelle Umgang mit der Thematik. Es wird einigen sehr leicht fallen, sich ganz auf die Situation und den Moment einzulassen und andere werden dieser Lebensmaxime eher skeptisch bis hilflos gegenüberstehen.

Das Absolute als Killerphrase

Beide Positionen sind aber gut und nützlich in unserem Leben und in unserer Gesellschaft. Es stört mich also eher der Absolutheitsanspruch, mit dem das „Hier und Jetzt Denken“ proklamiert wird. Die große Vielfalt des menschlichen Seins macht für mich gerade das Leben spannend.

Als Skeptiker schrillen bei mir die Alarmglocken, wenn ich Worte wie „alternativlos“, „uneingeschränkt“ oder „einzigartig“ höre. Denn gerade die Vielfalt und der Reichtum der Lebensentwürfe sind für mich in der heutigen Zeit so bereichernd. Mich interessieren die Brüche und die Abgründe in den Biografien der Menschen und nicht die glatten und wohldefinierten Lebensläufe, die eher einen fahlen Geschmack bei mir hinterlassen. Schon aus diesen Gründen wird mein Glück nicht nur im Hier und Jetzt stattfinden, sondern ich freue mich über alle Erfahrungen im Sinne von Walter Benjamin, der den Begriff Erfahrung gegenüber dem Begriff Erlebnis abgrenzte.

Erfahrung vs. Erlebnis

Erfahrungen sind in diesem Sinne immer Ereignisse, die uns prägen und einen großen Einfluss auf unser zukünftiges Leben haben. Außerdem implizieren sie die Möglichkeit, unser Handeln zu verändern. Ich bin allerdings auch froh über alle periodischen Glückserlebnisse, die mir oft die Kraft gegeben haben, weiterzumachen. In der Replik waren es allerdings die Erfahrungen, die mich zu dem Menschen gemacht haben, der ich heute bin. Überlegen Sie einmal, welche Erfahrungen für Sie prägend waren und langfristige Spuren in Ihnen und Ihrem Leben hinterlassen haben.

Zeigt sich nicht in der Rückschau, dass gerade die Momente, die wir anfangs weder als sehr lustig empfanden noch als sehr einfach zu bewältigen, einen großen Einfluss auf unser weiteres Leben hatten? Bei mir waren es samt und sonders Erfahrungen, die mich zum Nachdenken über mich und mein Verhalten brachten. Diese gingen weit über das einfache und plumpe „Hier und Jetzt-Erlebnis“ hinaus.

Happy Me - Der Glücksphilosoph

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