Als philosophisch denkender Mensch ist der Einfachheitsreflex bei mir extrem ausgeprägt und ich stutze, wenn von einfachen Wegen zum Erfolg die Rede ist. Noch stärker zeigt sich der Reflex, wenn zusätzlich eine Anhäufung von Verallgemeinerungen benutzt werden. So ist es mir vor einigen Tagen ergangen, als ich den Facebookeintrag von Ernst Crameri las, den ich hier natürlich im Wortlaut wiedergebe:

„Ohne Maximalismus gibt es einfach keinen Erfolg, so einfach ist das Spiel. Die Formel lautet hier ganz klar:
100% Leistung ist normal, oder sollte es sein
+10% Extraleistung
+Herzblut
Dann passt es in jeder Hinsicht. Leider sind viele Menschen noch nicht einmal bereit 100% zu geben.“

Erfolg ist wie Seifenblasen.

Erfolgsformeln zerplatzen leicht wie Seifenblasen. (Foto: Bernd Kasper/ pixelio)

Klingt im ersten Moment alles ziemlich einleuchtend und eingängig. Diese Sätze würden wahrscheinlich mehr als 90% aller Erfolgssucher unterschreiben. Sollte die Aussage allerdings allgemeingültig sein, dann dürfte niemand für sich proklamieren erfolgreich zu sein, der nicht 110% gegeben hat und dazu noch sein Herzblut eingesetzt hat. Ganz abgesehen davon komme ich jetzt zu den linguistischen Fallstricken dieser Aussage, unberücksichtigt lassend, dass es mehr als 100% nicht geben kann, so rein mathematisch betrachtet ;-), aber so kleinlich darf man als Erfolgsjunkie wohl nicht sein.

Nicht abschweifen, die Verallgemeinerungen waren ja das Thema. Starten wir mit dem Begriff Leistung und Extraleistung. Beide Begriffe sind universell einsetzbar und sind so herrlich unkonkret. Was versteht Ernst Crameri unter Leistung? Vielleicht etwas ganz anderes als Sie oder ich. Wo ist die Vergleichsgröße, die es mir ermöglicht, die 100% auch wirklich zu messen? Viele Menschen, die ich kenne, sind sich ihrer Leistungen oft nicht bewusst, weil sie diese für ganz normal halten und es ihnen leicht von der Hand geht.

Sie würden diesbezüglich nie von einer 100%-igen Leistung reden, obwohl Andere dies als grandiose Leistung ansehen. Über die 10% Extraleistung kann ich aus oben erwähnten mathematischen Gründen nur wenig sagen, denn wenn jemand 10% Extraleistung als Reserve hat, dann hat er automatisch nur 90% seiner individuellen Leistungsfähigkeit abgerufen. Oder meint Herr Crameri mit 100% + 10% die Erwartungen von Kunden, Klienten, der Umgebung, der Familie oder sonstiger Außenreferenzsubjekte?

Diese Leistung könnte jedoch genauso gut auch mit 50% meines Potentials erreicht werden oder eben auch außerhalb des Potentials sein, da die zuvor Genannten einfach Übermenschliches von mir und allen Anderen erwarten und niemand auf dieser Welt die Fähigkeit besitzt, diese Erwartung zu erfüllen. Das war ein kurzer Ausflug in die Welt der Linguistik, der gleichermaßen für den Begriff Herzblut gilt und im Kern genauso wenig aussagekräftig ist. Ich könnte jetzt auch noch auf die Unterstellung eingehen, dass der Großteil nicht einmal bereit sei 100% zu geben, will in diesem Kontext allerdings nur auf zwei Aspekte hinweisen.

  1. Ich sehe mich nicht imstande, die Befindlichkeit von der Mehrheit meiner Mitmenschen zu beurteilen, noch daraus den Schluss zu ziehen, dass sie nicht bereit wären, 100% von was auch immer zu geben. Es fehlen mir jene Beurteilungskriterien, an denen Herr Crameri diese „Minderleistung“ bei der Mehrheit seiner Mitmenschen feststellt.
  2. Herr Crameri gibt die Schuld für den Misserfolg immer dem Individuum, denn wenn er oder sie nicht erfolgreich ist, kann es nur daran liegen, dass sie oder er nicht 110 % und Herzblut in ihr Leben gelegt haben. Das kann man so beurteilen, muss man aber nicht, da das für meine Begriffe eine sehr vereinfachte Sichtweise auf den Menschen als soziales Wesen ist. Wir sind nun mal abhängig von gesellschaftlichen Bedingungen. Außerdem gilt es immer zu bedenken, was für einen Einzelnen Sinn macht, ist nicht automatisch für die ganze Menschheit oder für das unmittelbare soziale Umfeld als Ganzes sinnvoll. Als Beispiel sei nur die leider zu oft unterschätzte Differenz zwischen betriebswirtschaftlich Sinnvollem und volkswirtschaftlich Empfehlenswertem genannt. Ich gehe davon aus, dass ein Teil des Erfolges für Herrn Crameri das selbstbestimmte Leben ist, welches auch eine gewisse finanzielle Freiheit impliziert. Haben all jene, die von ihrem Beruf nicht leben können, zum Beispiel Krankenschwestern und -pfleger in Österreich oder Deutschland, die mit ihrem Einkommen die Familie eben nicht ausreichend mit finanziellen Mitteln versorgen können, haben diese Personen nicht 110% gegeben? Außerdem ist natürlich auch zu hinterfragen, welche Auswirkungen mein individueller Erfolg auf meine Umgebung hat und auf wessen Kosten ich erfolgreich bin. Über die individuellen Chancen in Diktaturen, Oligarchien oder in Regionen, in denen Bürgerkrieg, Not und Elend herrschen, will ich gar nicht eingehen.

Nach meiner Meinung sind alle Formeln zum Erfolg fürs praktische Leben untauglich und bedürfen einer individuellen Betrachtung. Einfache Formeln erleichtern zwar die Orientierung in der komplexen Welt, hinterlassen aber meist ein Gefühl des Scheiterns. Ich habe Ihnen leider keine Formel für Erfolg anzubieten und kann Sie auch nicht mit einfachen Antworten auf die komplexen Herausforderungen des Lebens beruhigen. Ich kann Sie nur auffordern, sich selbst klar zu machen, was für Sie Erfolg ist und dann darüber zu reflektieren, wie viel davon tatsächlich in Ihrem Leben umsetzbar ist.

Happy Me - Der Glücksphilosoph

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