Über den Fall Alice Schwarzer ist viel geschrieben und noch mehr kommentiert worden. Viel Häme und Schadenfreude war und ist dabei. Die Beurteilung ihres individuellen Handelns soll hier nicht stattfinden, denn dies haben andere schon längst in allen Varianten getan. Was mich per se interessiert, ist die Frage nach dem Warum der heftigen Reaktionen. Auf die Gruppen der Schadenfrohen und „schon immer Wisser“ will ich nicht eingehen, dies scheint mir unergiebig. Denn an Stammtischweisheiten und Allgemeinplätzen der ewig Gestrigen bin ich weder interessiert, noch halte ich diese für erhellend. Viel eher will ich der Frage nachgehen, warum gerade im feministischen Umfeld von einem Bärendienst die Rede ist und woher gerade dort die aggressiv, besserwisserische Schmolleckenhaltung herrührt. Den Schaden für das feministisch Anliegen sehe ich nämlich überhaupt nicht, denn die dumpen Krakeeler, die schon immer wussten, dass der Feminismus Blödsinn oder wahlweise eine Verirrung ist, die glauben, nun eine Bestätigung für ihre vorgestrigen Einstellungen zu haben. Ernsthaft an einer feministischen Emanzipation oder Frauenbewegung waren sie nie interessiert. Diejenigen ZeitgenossInnen, welche die Gleichberechtigung von Mann und Frau ohnehin für das Normalste auf der Welt halten und unaufhörlich für dieses Anliegen einstehen, ob am Arbeitsplatz oder bei öffentlichen und privaten Diskussionen, die werden sich von dieser Auffassung durch das Fehlverhalten einer Alice Schwarzer sicherlich nicht beeindrucken lassen. Liebe VertreterInnen der Schädigungstheorie: Habt einfach mehr Vertrauen, dass Menschen fähig sind, zwischen Anliegen und Verhalten zu differenzieren. Damit ist das Grundsätzliche erläutert und es bleibt nun der Raum, mich mit dem Phänomen des Sturzes einer vermeintlichen Titanin zu beschäftigen.

Der Sturz der Titanen

Peter Paul Rubens: „Der Sturz der Titanen“.

Der Begriff Titanin ist bewusst gewählt. Ohne auf den Kampf der Titanen in der griechischen Mythologie im Detail eingehen zu wollen, waren die Titanen doch Götter auf dem Olymp, bis sie von diesem in einem mehrjährigen Krieg gestürzt oder verbannt wurden. Der die Welt tragende Atlas ist eine Figur, die jeder von uns kennt. Er musste die Last des Tragens als Strafe für seinen Kampf auf der „falschen“ Seite hinnehmen. Auch Alice Schwarzer war so eine moralische Instanz und eine Titanin in Deutschland. Sie hatte nicht selten den Anspruch auf moralische Integrität lautstark kundgetan und eine moralische und nicht nur rechtliche Betrachtung des individuellen Handelns eingefordert. Die Enttäuschung beim Großteil der BefürworterInnen ihrer Ideen halte ich auch deshalb für so groß, da man der zutiefst frustrierenden kindlichen Erkenntnis gegenübersteht, dass die Eltern fehlbar sind. Dieser Moment entgöttert und entthront die Eltern und ist ein wesentlicher Bestandteil der kindlichen Entwicklung zur Eigenständigkeit. Kinder finden allerdings oft neue GöttInnen, denen sie 1000%-ig vertrauen. Ich erinnere mich an die Lehrerin meines Sohnes in der Musikschule, die gleichzeitig die Aufgabe übernahm, den Kindern Englisch beizubringen. Mit ihrem niederländischen Akzent klappte die Aussprache nicht immer optimal und ich versuchte meinem Sohn die korrekte Aussprache näher zu bringen. Mein Sohn war aber der felsenfesten Überzeugung, wie es die Frau Meijer ausspricht, ist es absolut korrekt und wir Eltern hätten einfach keine Ahnung. Ein ähnliches Phänomen war über viele Jahrzehnte auch bei Alice Schwarzer zu beobachten. Für viele in der feministischen Bewegung war Alice Schwarzer ein „feministischer Elternteil“.

Ihre Leistung für die Idee der Emanzipation und Gleichbehandlung des weiblichen Geschlechts wurde bei aller Kritik an verschiedenen Aktionen in den letzten Jahren anerkannt. Sie galt zumindest als moralisch unantastbar. Umso größer ist die Frustration und die Wut über das Handeln von Alice Schwarzer. Es ist vor allem eine Wut darüber, dass sie auch nur ein Mensch ist. Ähnlich wie bei Günter Grass, der vormals männlichen deutschen Moralinstanz, wird mit Alice Schwarzer jetzt die weibliche Ikone des moralisch hochstehenden Deutschlands gestürzt und da sitzt nun der Realitätsschock offenbar tief. Denn offensichtlich sind Männer und Frauen durch ihre soziokulturellen Prägungen ähnlicher als viele gedacht haben. Warum sollte gerade eine Frau moralisch höhere Maßstäbe einhalten als ein Mann? Es ist also ein Akt der Re-Realisierung der Bewertung von Handlungen und die Erkenntnis, dass Handeln und Reden nicht immer identisch sein müssen. Ich kann auch nicht verstehen, warum das Verhalten von Alice Schwarzer anders zu bewerten ist, als das Verhalten von Lieschen Müller oder Franz Meier. Es ist für mich eher ein Hinweis und die Aufforderung, dem Wesen der Menschen in die Augen zu sehen. Und ganz ehrlich: Jeder von uns weiß, dass jeder Mensch Fehler macht und fehlbar ist. Dieser unterschiedliche Maßstab für eine Person des öffentlichen Lebens – und im Falle eines Günter Grass und einer Alice Schwarzer einer sogenannten moralischen Instanz – ist auf der einen Seite Anmaßung und auf der anderen dem Prinzip nach eine Unterwerfung oder Erniedrigung des eigenen Seins. Es geschieht dies nach meiner Auffassung durch die Überhöhung von Menschen und der Vergötterung von Personen, die oft extrem öffentlichkeitswirksam die Finger in die Wunden unserer gesellschaftlichen Verfasstheit legen. Genau die Erhebung zu einer Ikone setzt diese Personen auf ein Podest, welches an alte Monarchien oder Gottesstaaten erinnert, aber einer Demokratie nicht zuträglich ist. Es wird immer Vorbilder geben, aber niemand sollte sich der Illusion hingeben, dass diese Vorbilder auch genau unseren Projektionen entsprechen oder gar unfehlbar sind. In vielen Bereichen sind sie vielleicht fähig, unsere Projektionen zu kanalisieren und auch zu erfüllen, allerdings wird es immer einen Moment der Wahrheit für uns und diese geben, in dem wir erkennen müssen, dass wir uns getäuscht haben. Eine Täuschung, die aber nicht ihnen zugeschrieben werden kann, sondern es handelt sich um eine Selbsttäuschung. Wir haben diese Menschen auf einen moralischen Olymp gehoben und sind jetzt böse und wütend, weil diese nicht den antiken Göttern entsprechen, sondern Menschen aus Fleisch und Blut sind, mit all ihren Ecken und Kanten. Der „Fall“ Schwarzer sagt also auch sehr viel über uns und unsere inneren Strukturen aus. Denn wenn wir ehrlich sind: Wer hat nicht schon einmal überlegt, bei der Kilometerpauschale oder der Spesenabrechnung eine optimierte und steuerschonende Möglichkeit zu nutzen?

Um abschließend noch eines klar zu machen: Nein, ich finde es nicht gut, wenn jemand seine Steuern nicht ordnungsgemäß abführt. Ein Richter will ich deswegen aber auch nicht sein, sonst hätte ich Jura studiert und wäre es geworden. Ich halte es im Gegenteil für einen großen Fortschritt, dass unser Rechtssystem nicht mehr auf dem Prinzip „Schuld und Sühne“ fußt. Ich wünsche mir nur eines: Dass jeder mit sich kritisch genug umgeht und niemandem in seinem Leben einen gottähnlichen Status zugesteht. Denn dann braucht sich auch niemand grämen, dass diese Person die Erwartungen nicht erfüllen kann oder konnte. Der Umgang mit Alice Schwarzer bestätigt im Ansatz zumindest die Frustrations-Aggressions-Hypothese von Dollard und Miller und dient gleichzeitig auch als Paradebeispiel einer sich entzaubernden, auf Vorbilder fußenden Gesellschaft, die für viele offensichtlich leider, für mich Gott sei Dank, zu einer erhöhten Nutzung des eigenen Denkenapparats führen sollte. Ich bin mir nur nicht ganz sicher, ob diese Denkarbeit von Jederfrau und Jedermann in Zukunft wirklich geleistet wird. Denn schon die Aufklärung mit dem bekannten Satz „cogito ergo sum“ war eine Aufforderung an das eigenständige Denken als Grundlage der Menschwerdung. Vielleicht muss ich den Tatsachen in diesem Punkt ins Auge sehen und feststellen, dass es zur Orientierung in komplexen Lebenswelten offensichtlich der menschlichen Natur entspricht, in die kognitiven Fähigkeiten von anderen Menschen mehr Vertrauen zu haben als in die eigenen. Braucht die Menschheit Vorbilder oder kann eine Gesellschaft aus Selbstdenkern entstehen? Was meinen Sie?

Happy Me - Der Glücksphilosoph

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